Die beliebtesten Hornussen-Spiele sind nicht die der jungen Kader, sondern die der Senioren ab 45 Jahren. Sie ziehen mit ihrer Erfahrung und der entspannten Dorfatmosphäre die grössten Zuschauermengen an.

Wenn der Hornuss durchs Tallicht jagt

Hornussen ist kein Sport, den man nebenbei erklärt. Man muss ihn gesehen haben, um zu begreifen, warum ganze Dörfer in der Schweiz stillstehen, sobald der Hornuss, ein kleiner schwarzer Gummipuck, mit einem kräftigen Schlag vom Stöckli in die Höhe fliegt. Der Knall ist ohrenbetäubend, die Geschwindigkeit liegt bei bis zu 300 Stundenkilometern, und das Summen, das der Puck dabei erzeugt, erinnert an einen wütenden Hornissenschwarm – daher der Name. Während der Hornuss noch in der Luft ist, rennen die Gegner auf der anderen Seite des Platzes mit schweren Holzschaufeln, den sogenannten Träf, um sich zu positionieren. Ihr Ziel ist klar: den Puck stoppen, bevor er hinter der Linie aufkommt. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Der Hornuss kann in der Flugphase jederzeit abdriften, und selbst erfahrene Träf-Führer verpassen ihn um Millimeter.

Die Distanz zwischen Schlag- und Fangteam beträgt je nach Kategorie 100 bis 300 Meter. Für Zuschauer sieht das nach viel Zeit aus, doch die paar Sekunden, in denen der Puck fliegt, sind ein hektisches Hin und Her. Die Schlagmannschaft will möglichst viele Punkte sammeln, indem der Hornuss ungefangen landet. Die Verteidiger wollen das verhindern. Jeder Treffer zählt, jeder Fehler wird sofort sichtbar. Deshalb steht hinter jedem Schlag jahrelanges Training, denn der Schwung muss exakt sitzen. Zu hoch, und der Puck verliert an Geschwindigkeit. Zu flach, und er landet vorzeitig im Feld. Der perfekte Schlag bleibt trotzdem ein Kompromiss zwischen Kraft, Winkel und Wind, der in den Alpentälern oft innerhalb von Minuten umschlägt.

Die Veteranen zeigen, wie es läuft

Wenn in den heissen Sommermonaten die Feste über die Hügel ziehen, sind es oft nicht die jungen Kader, die die grössten Zuschauermassen anlocken, sondern die Senioren. Die Altersklasse ab 45 Jahren trägt ihre Turniere traditionell in den frühen Abendstunden aus, wenn die Arbeiter vom Bauhof die Banden kontrollieren, die Männer vom Chor den Festzeltbiergarten heimlich vorab testen und die Frauen vom Landfrauenverein den ersten Kuchen anschneiden. Die Atmosphäre ist entspannt, aber nicht lässig. Wer hier spielt, hat meist schon drei Jahrzehnte Erfahrung. Er kennt den Wind, kennt die Stöckli-Hölzer aus seinem eigenen Waldstück und weiss, welche Träf-Führer sich bei welchem Stand der Sonne verschätzen.

Ein Name fällt in diesen Tagen immer wieder: Hanspeter «Hansju» Lehmann aus dem Emmental. Mit 67 Jahren gehört er zu den ältesten Aktiven und gilt als lebende Legende. Sein Handschlag ist so präzise, dass er den Hornuss auf einen Zehn-Meter-Fleck platzieren kann, selbst wenn die Fahne seitlich im Wind flattert. Beim letzten Eidgenössischen in Stans schaffte er 312 Meter Schlagweite, ein Wert, den viele 40-Jährige nicht erreichen. Doch Lehmann misst sich nicht mit Jüngeren, sondern mit Gleichaltrigen. In der Kategorie Senioren 1, Männer zwischen 45 und 55, kämpfen sie um die begehrte Krone. Die Senioren 2, 55 bis 65, haben ihren eigenen Bewerb, danach folgt die Kategorie Veteranen, offen für alle über 65. Jede Gruppe hat eigene Regeln, was Schlägerlänge und Puckgewicht betrifft, damit Fairness gewahrt bleibt.

Die Spannung steigert sich mit jedem Durchgang. Nach dem ersten Durchgang liegen die Teams oft nur wenige Punkte auseinander. Deshalb wird viel diskutiert, Strategien werden angepasst. Manchmal wechselt man die Schlagreihenfolge, manchmal lässt man den erfahrensten Mann gleich zweimal hintereinander antreten, um Lücken in der gegnerischen Abwehr zu finden. Die Veteranen spielen meist ohne festen Trainer. Stattdessen sitzen sie zwischen den Durchgängen auf der Bank, schwatzen, trinken einen Schluck Wasser oder ein kühles Lager, und geben Tipps weiter, als wären sie Nachbarn, die sich beim Holzen treffen. Genau das macht den Charme aus. Es ist kein Leistungssport im olympischen Sinne, sondern gelebte Dorfkultur, bei der Erfahrung zählt mehr als Rekorde.

Die Senioren sind die echten Publikumsmagneten.
Erfahrung zählt mehr als Rekorde.
Es ist gelebte Dorfkultur statt Leistungssport.

Zwischen Tradition und TikTok

Früher reichte ein Pfarrer, der die Resultate per Megaphon vom Kirchturm rief. Heute reicht das nicht mehr. Die jüngeren Aktiven wollen wissen, wie weit der Hornuss genau geflogen ist, wie schnell er war und ob der Wind am Schluss doch noch drehte. Deshalb haben Vereine wie der FC Eggiwil oder der BHV Hindelbank begonnen, jeden Schlag per Smartphone-App zu tracken. Ein kleines Messgerät am Stöckli erfasst Geschwindigkeit und Winkel, ein GPS-Modul bestimmt die Flugbahn, und alles landet sekundenschnell auf einem Server. Die Daten werden live in die Vereins-App eingespielt, wo Zuschauer mitfiebern können, selbst wenn sie gerade im Büro sitzen. Kurze Clips der spektakulärsten Schläge landen auf TikTok, manchmal mit Slow-Motion, manchmal mit Kommentar der Enkelkinder, die sich selbst als «Hornuss-Flüger» bezeichnen.

Diese Digitalisierung sorgt für neue Aufmerksamkeit. Plötzlich interessieren sich Schüler für einen Sport, den ihre Eltern längst als «altmodisch» abgeschrieben hatten. Die Zahl der Junioren-Lizenzen stieg in Bern und Umgebung in den letzten beiden Jahren um 18 Prozent, ein Wert, den es seit den 1990er Jahren nicht mehr gegeben hat. Gleichzeitig hat sich die Community der Senioren erweitert. Viele Pensionierte, die früher aufhörten, weil sie dachten, niemand schaue mehr hin, kehren zurück. Sie wollen zeigen, dass man auch mit 70 noch einen sauberen Schwung hat. Die Mischung aus Tradition und Moderne funktioniert. Die Feste bleiben heimelig, aber die Resultate sind nachvollziehbar. Das schafft Vertrauen und bewahrt gleichzeitig den Charakter.

Hornussen Senior Competitions Veterans of the Sport

Ein Nebeneffekt: Die Veteranen bekommen wieder mehr Respekt. Früher galten sie als nette Zeitvertreiber, heute wissen die Jüngeren, dass sie von den alten Hasen noch etwas lernen können. So mancher 25-Jährige hat sich nach einem peinlichen Fehler den Saten anhören müssen: «Häsch nid ufgpasse, büetzi, dänn würsch de Hornuss nid a d’Füess gha.» Auf Deutsch: Hättest du aufgepasst, Junge, hättest du den Puck nicht vor die Füsse bekommen. Die Jüngeren lächeln, nehmen den Rat an und kommen nächstes Mal wieder. Der Kreis schliesst sich.

Die Finalrunde ist kein Kindergeburtstag

Die Meisterschaften der Senioren sind meistens Tagturniere. Zwischen acht und zwölf Mannschaften treten in Gruppen an, die zwei Besten jeder Gruppe ziehen ins Viertelfinale ein. Dort wird klassisch im K.-o.-Modus weitergespielt. Die Finalpaarung beginnt meist gegen 17 Uhr, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet und der Wind abklingt. Genau diese Stunde mögen die Schläger besonders. Der Ball fliegt ruhiger, die Träf-Führer sehen den Hornuss deutlicher, und die Zuschauer stehen dichter, weil sie wissen, dass jetzt jeder Treffer zählt.

Häufig gestellte Fragen

Wann finden die Senioren-Turniere statt?
Die Senioren spielen traditionell in den frühen Abendstunden, wenn die Festzeltbesucher ankommen und die Feste in den heissen Sommermonaten Fahrt aufnehmen.
Wie sind die Alterskategorien aufgeteilt?
Senioren 1 umfasst Männer von 45 bis 55 Jahren, Senioren 2 die 55- bis 65-Jährigen und die Kategorie Veteranen ist für alle über 65 offen.
Warum haben die Altersklassen eigene Regeln?
Jede Gruppe hat Vorgaben für Schlägerlänge und Puckgewicht, damit trotz unterschiedlicher körperlicher Voraussetzungen faire Wettkämpfe möglich sind.
Wer ist Hanspeter Lehmann?
Der 67-jährige Emmentaler gilt als lebende Legende. Er trifft den Hornuss auf einen Zehn-Meter-Fleck und erreichte 312 Meter Schlagweite, ein Wert, den viele 40-Jährige nicht schaffen.

Ein Beispiel: das Finale 2023 in Riggisberg. Auf der einen Seite der FC Konolfingen mit Urs «Ursu» Gerber, 58, seit 40 Jahren im Geschäft. Auf der anderen Seite der SC Walkringen mit Martin Reuteler, 52, der nach einer Knieoperation nur noch mit leichtem Schoner antritt. Beide Teams haben bis dahin nur einmal verloren. Die Spannung ist spürbar. Gerber eröffnet mit einem langen, flachen Schlag, der knapp hinter der 200-Meter-Linie landet. Reuteler antwortet mit einem Hochschlag, der die Walkringer Träf in zwei Reihen spaltet. Punkt für Punkt geht es weiter, bis nach dem fünften Durchgang Gleichstand herrscht. Beim vorletzten Schlag zieht Gerber durch, der Hornuss segelt scheinbar unkontrolliert nach links, doch genau dort hatte Reuteler seine beste Fängerin positioniert. Sie verpasst um Zentimeter. Konolfingen gewinnt 42 zu 40, der Jubel ist riesig.

Solche Finals bleiben im Gedächtnis, weil sie Geschichten erzählen. Geschichten von Freundschaften, die über Jahrzehnte wuchsen, von Verletzungen, die überwunden wurden, von Familien, die über Generationen hinweg dieselbe Mannschaft stärken. Nach dem Schlusspfiff stehen sich die Gegner in der Mitte des Platzes gegenüber, schütteln sich die Hände und verabreden sich auf ein Bier im Festzelt. Gewonnen oder verloren spielt keine Rolle mehr, Hauptsache man hat zusammen ein gutes Turnier gehabt. Genau diese Mentalität unterscheidet den Seniorenbereich vom Leistungssport. Es geht nicht nur um Punkte, sondern um Gemeinschaft.

Was die Jüngeren lernen können

Die meisten Junioren-Trainer schicken ihre Schützlinge mindestens einmal pro Saison zu einem Senioren-Turnier, nicht als Zuschauer, sondern als Hilfskräfte. Sie sammeln die Träf ein, tragen die Punkte auf dem Handgerät ein oder richten nach jedem Durchgang die Banden neu aus. Dabei lernen sie mehr als in manchem Training. Sie sehen, wie ruhig ein 60-Jähriger atmet, bevor er den Schwung beginnt. Sie beobachten, wie er den Wind fühlt, indem er ein paar Grashalme zwischen die Finger nimmt. Sie erleben, wie er nach einem Fehler lacht, weil er weiss, dass der nächste Schlag besser wird. Diese Gelassenheit kann man nicht lehren, man muss sie sich abgucken.

Ein weiterer Effekt: Die Jüngeren verlieren die Scheu vor dem Alter. Wer als 16-Jähriger mit einem 65-jährigen Veteranen über Taktik diskutiert, dem wird klar, dass Erfahrung mindestens so viel wert ist wie jugendliche Frische. Viele Junioren kehren motiviert zurück auf ihr Trainingsplatz und probieren die alten Tricks aus. Manche üben den «Hansju-Flug», einen leicht gebogenen Schlag, der erst spät abdreift. Andere konzentrieren sich auf die Atemtechnik. Die Senioren wiederum profitieren, weil sie neue Partner bekommen. Plötzlich steht ein 20-Jähriger neben ihnen, der den Hornuss auf 280 Meter beschleunigt und dabei noch die 200 Schaufeln im Träf zählt. Das gemeinsame Ziel bleibt dasselbe: den Puck so weit wie möglich zu schlagen und gleichzeitig sicher zu landen.

Die Zahlen sprechen für sich. In den letzten fünf Jahren stieg die Zahl der Aktiven über 45 Jahren um 12 Prozent, bei den Über-65-Jährigen sogar um 20 Prozent. Gleichzeitig sank die Ausfallquote wegen Verletzungen, weil viele Senioren auf spezielle Gymnastikprogramme umgestiegen sind, die der Schweizerische Hornusserverband gemeinsam mit der Berner Fachhochschule entwickelt hat. Die Übungen für Schultern und Hüfte sind simpel, aber effektiv. Wer sie regelmässig macht, kann auch mit 70 noch ohne Schmerzen durchs Tallicht rennen. Das wiederum motiviert neue Ältere, wieder einzusteigen. Der Kreislauf wird immer grösser.

Ein Blick in die Zukunft

Die nächsten Jahre dürften spannend werden. Neue Materialien machen die Stöckli leichter und trotzdem stabiler, die Puck-Hersteller experimentieren mit neuen Gummimischungen, die eine noch konstantere Flugbahn versprechen. Parallel dazu wächst das Medieninteresse. Regionale Fernsehsender wie TeleBärn oder Radio BE1 übertragen inzwischen ganze Turniere im Livestream, kommentiert von ehemaligen Nationalspielern, die den Zuschauern erklären, warum ein vermeintlich schlechter Schlag plötzlich ein Volltreffer wird. Die Senioren sind dabei keine Statisten mehr, sondern Hauptdarsteller. Ihre Geschichten liefern Stoff für kleine Filme, die auf Social Media hunderttausende Aufrufe generieren. Der Hashtag "HornussenSenior" ist auf TikTok mittlerweile populärer als "Skiing" oder "Schwingen", zumindest in der Schweiz.

Trotzdem bleibt der Charakter. Ohne die engen Verbindungen zwischen den Vereinen gäbe es keine Turniere, denn die meisten Helfer arbeiten ehrenamtlich. Sie bauen am Freitagabend die Bühne auf, schliessen am Sonntag nach dem Finale die letzte Schraube wieder ab. Dazwischen kochen sie Suppe, verkaufen Kaffee und Kuchen, und sorgen dafür, dass die Toiletten sauber bleiben. Die Senioren helft mit, wo sie können. Der eine transportiert Bierfässer, der andere klebt die Startnummern auf die Jacken. Dabei entstehen Gespräche über Enkel, über Gartenarbeit oder über die Frage, ob es nächstes Jahr wieder einen Spezialpreis für die beste Kuchenbäckin gibt. Diese Gespräche sind das Rückgrat des Sports. Sie erinnern alle daran, dass Hornussen keine Liga ist, sondern ein Lebensgefühl.

Wenn am Ende des Tages die letzte Fahne eingeholt wird, stehen alle zusammen auf dem Platz. Die Lautsprecher spielen eine Polka, die Kinder tanzen zwischen den Holzschaufeln, die Alten klopfen sich auf die Schultern. Irgendwann packt der Organisator die Megaphon-Batterien zusammen und ruft: «Dänn bedanke ich mich und wünsche euch alls en ganz en heimelige Witerfahrt.» Dann bedanke ich mich und wünsche euch allen eine ganz heimelige Weiterfahrt. Keiner geht sofort, alle helfen noch mit. Erst wenn die letzte Bande im Lagerhaus steht, trennen sich die Wege. Man verabredet sich für das nächste Turnier, tauscht Telefonnummern aus und verspricht, sich auf dem Fest in zwei Wochen wiederzusehen. Der Hornussen hat wieder einmal bewiesen, dass er mehr ist als ein Spiel. Er ist ein Netzwerk aus Tradition, Technik und vor allem Menschen, die gemeinsam alt werden wollen – und das mit 300 Stundenkilometern.

  • Die Senioren-Turniere ziehen mehr Zuschauer als die jungen Kader.
  • Erfahrung zählt mehr als Rekorde, drei Jahrzehnte Spielpraxis sind normal.
  • Die Atmosphäre ist entspannt, ohne festen Trainer – Tipps werden auf der Bank weitergegeben.
  • Es ist gelebte Dorfkultur, kein olympischer Leistungssport.